UnEins – Musik für zwei Akkordeonisten

Das Programm der beiden Akkordeonist:innen Susanne Stock (Weimar) und Felix Kroll (Berlin) beschäftigt sich mit Individualität und Symbiose, Trennung und Wiedervereinigung, Eins und Uneins. In einer künstlerischen Zusammenarbeit treffen verschiedene Charaktere, Biografien, mitgebrachte Fähigkeiten, Sichtweisen und Emotionen aufeinander. Durch die Begegnung der Musiker im Konzert, entsteht etwas das von zwei einzelnen Wesen erschaffen wird und doch etwas Autarkes, für sich Stehendes ist.

Zentrales Stück des Programms wird eine Uraufführung des Komponistenpaares Tobias Klich (Jena) und Chengwen Chen (Bremen) sein, die ein Stück für zwei Akkordeonist:innen an einem Instrument und einer Performerin schreiben. In Platons philosophischen Betrachtungen über die Liebe wird in der Rede des Aristophanes die ursprüngliche Gestalt der Menschen beschrieben: Als vierarmige Kugelwesen mit drei unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten begehrten sie – sehr ähnlich dem Turmbau zu Babel – zu den Göttern aufzusteigen. Die Götter fühlten sich bedroht und trennten die Geschlechter voneinander. Seither streben beide Hälften nach der Wiedervereinigung miteinander. Geschlechteridentitäten, Fragen zu Gender und unserem gesellschaftlichen Miteinander, den Beziehungen zwischen Menschen im Allgemeinen und im Speziellen verleiht diesem Thema neben der historischen auch eine ganz aktuelle Wichtigkeit. Aus dem Spiel der Musiker auf einem Instrument entwickelt sich von selbst ein theatralisches Moment, das die Musiker zu choreographisch-szenischen Performern werden lässt. Vertrauen und Koordination von Bewegungsabläufen auf engstem Raum werden ebenso thematisiert wie die Körperlichkeit, die einem Musiker beim Spielen seines Instrumentes abverlangt wird. Diese Körperlichkeit spielt auch in Sven Daiggers neuem Werk eine wichtige Rolle. Er konzentriert sich in seinen Überlegungen auf die Bewegung des Balges, der den Luftstrom erzeugt, der wiederum den Ton zum Klingen bringt. Ebenso wie die Zunge im Instrument wird auch die menschliche Stimme durch Luft zum Schwingen gebracht und so setzt der Komponist neben dem Instrument auch die Stimmen der Spieler:innen ein. In enger Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten und den Akkordeonist:innen wird ein gemeinsamer Schaffensprozess angestrebt, an dessen Ende neue unbekannte Klanglandschaften stehen. Auch Helmut Oehring, der Komponist der dritten Neukomposition, beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Individualität und Parallelität. Sein Stück ist so angelegt, dass beide Spieler:innen den gleichen Part spielen. Eingearbeitet in die musikalische DNA des Stückes sind sogenannte glitches, Störungen, die die Synchronität des Stückes während seiner Aufführung unweigerlich zum Einsturz bringen. Im normalen Konzertleben geht es meistens um die größtmögliche Perfektion. Alles muss stimmen, ist tausendfach beim Üben wiederholt, trainiert worden. Vermeidung von Fehlern und Synchronität im Spiel. Wie gehen nun die Akkordeonist:innen auf der Bühne damit um, wenn es einkalkulierte, aber nicht vorhersehbare Störungen gibt? Wie reagieren sie auf Abweichungen, wie arbeiten sie mit dem Auseinanderdriften und dem Streben, sich wiederzufinden? Dieses Werk sind für Helmut Oehring auch Momentaufnahmen, die den Vorgang festhalten, als die DDR “ins Koma fiel”. Ein abgetrennter Staat, der für seine Souveränität kämpfte, jedoch am Ende wiedervereint wurde.

Das Duo von Annette Schlünz “Eden” greift auf anderer Ebene noch einmal das Thema Geschlechterrollen und Miteinander auf. Ergänzt wird das Programm durch zwei Solostücke, in

denen der Musiker selbst auf verschiedene Weise getrennt bzw. verdoppelt wird. In “UND ACHT” von Michael Beil spielt der Akkordeonist zusammen mit einem Audio/Video Zuspiel, das zuvor von ihm selbst produziert wurde. “SKOP” von Sarah Nemtsov lässt den Interpreten durch eine Spiegelkonstruktion vervielfachen.

Neben den Künstlern soll sich auch das Publikum aktiv mit verschiedenen Fragen auseinandersetzen, die dieses Programm aufwirft. Wieviel Individualität steckt in einem klassischen Konzert? Wieviel sehe ich von der Privatperson, die dort als Musiker:in auf der Bühne steht? Wie agieren verschiedene Musiker miteinander, wieviel Nähe und Distanz muss zwischen ihnen herrschen? Wie greift das Konzertprogramm Genderthemen, Geschlechteridentitäten und alternative Beziehungsmodelle auf und wie ist das in die persönliche (Erlebnis)welt übertragbar?

Ein Konzertabend – theatralisch, performativ, persönlich und auf seine Art intim, der neben der Musik auch die Musiker als Menschen und Agierende in den Fokus nimmt.

PROGRAMM

Tobias Klich & Chengwen Chen: Akkordeon zu vier Händen UA

Helmut Oehring: glitch /AMOK, Duo für zwei Akkordeonsolist*innen UA

Sven Daigger: Neues Werk für Akkordeonduo UA

Annette Schlünz: Eden (2015)

Sarah Nemtsov: SKOP (2016) für Akkordeon solo mit Mundharmonika und Spiegeln

Michael Beil : UND ACHT (1998) für Akkordeon solo mit Zuspiel